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19. JAHRGANG - AUSGABE VOM 30. MÄRZ 2017 NACHRICHTEN  |   WETTER  |   TRAVEL  |   WEB  |   INSERATE
 
DAS JÜDISCHE "PROJEKT SOSÚA" - EIN RÜCKBLICK

Rafael Trujillo - ein Rassist als Retter vor Rassismus

 
Sosúa - von Ulrike Stockmann - Bekanntlich war seit Hitlers Machtergreifung 1933 jüdisches Leben in Deutschland in Gefahr. Davon zeugte damals die erste jüdische Ausreisewelle, die vornehmlich europäische Nachbarstaaten erreichte. Begeistert waren diese Länder über den semitischen Zuwachs jedoch nicht. Daher wurde die Unterdrückung der Juden durch die Nazis in der Politik zunächst nicht besonders thematisiert. Hinzu kam, dass viele der deutschsprachigen Juden ohnehin zunächst nach Österreich flohen, um wirtschaftlich eine Perspektive zu haben. Als sich Hitler 1938 Österreich einverleibte, war auch die Alpenrepublik kein sicheres Land mehr und erneut mussten viele Juden die Flucht ergreifen.

Dadurch ergaben sich nun ganz andere Flüchtlingszahlen und global wurde der Holocaust verstärkt als Bedrohung und damit als diskutierwürdig eingestuft. Nach wie vor sahen sich jedoch die europäischen Staaten nicht in der Lage, Juden in verstärktem Maße Asyl zu gewähren. Selbst die USA, das Einwanderungsland schlechthin, hatten erhebliche Bedenken, eine größere Zahl Juden aufzunehmen. Nicht unbedingt, weil Präsident Roosevelt persönlich etwas gegen dieses Volk gehabt hätte. Vielmehr waren auch im Schmelztiegel der amerikanischen Gesellschaft Vorbehalte gegen Juden präsent. Das Risiko, sich gegen seine Bevölkerung zu stellen wollte der amerikanische Präsident nicht eingehen; vor allem wollte er seine Wiederwahl nicht in Gefahr bringen.

Nichtsdestotrotz – der Holocaust geisterte durch die Medien; man musste etwas tun, also setzte Roosevelt zumindest ein Zeichen. 1938 berief er die „Konferenz von Évian“ in Frankreich ein.
Es versammelten sich Vertreter aus insgesamt 33 Ländern. Darunter europäische Staaten, die USA, Kanada, Australien, Neuseeland und fast ganz Mittel- und Südamerika. Desweiteren waren Dutzende internationale Hilfsorganisationen anwesend. Die faschistischen Staaten Europas lud man wohlweislich gar nicht erst ein. Ebenso verzichtete man auf die Osteuropäer, von denen es hieß, sie würden es im Geheimen begrüßen, ihre Juden loszuwerden. Die deutsche Regierung war ausdrücklich nicht erwünscht. Man ließ jedoch Helmut Wohlthat, einen NS-Staatsbeamten unter Göring, als Vertreter Nazi-Deutschlands der Versammlung beisitzen.

Die voraussichtliche Zahl jüdischer Flüchtlinge wuchs sich in die Millionen aus. Die ernannten Zielländer zeigten sich wenig beglückt von dem, was da auf sie zukommen sollte. Sie bekundeten also artig ihr Mitleid mit den verfolgten Juden, um jedoch letztlich zu betonen, dass sie nach wir vor nicht in der Lage seien, verstärkt jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Entweder waren sie zu voll, hatten kein Geld oder fürchteten wie Roosevelt, dass ihre Bevölkerung von semitischem Zuwachs nicht gerade begeistert sein könnte. Die Amerikaner gestatten zwar weiterhin jährlich 27.370 Deutschen und Österreichern, in die Vereinigten Staaten einzuwandern. Gemessen an den Millionen Juden, deren Leben akut von den Nazis bedroht wurde, war dies jedoch keine umfassende Lösung.

Lediglich ein Land war bereit, die Juden mit offenen Armen zu empfangen. Ausgerechnet der Präsident der Dominkanischen Republik, Rafael Trujillo, wollte 100.000 Juden aufnehmen – als Diktator und bekennender Rassist. Noch unglaublicher klang sein Angebot, als man von den Gründen erfuhr. Trujillo wünschte, die in erster Linie afro-stämmige Bevölkerung seines Karibikstaates ein wenig „aufzuhellen“. Er hoffte, die eingeladenen europäischen Juden würden sich mit den Dominikanern vermischen und somit für etwas weißere Inselbewohner sorgen. Die Konferenzteilnehmer trauten wohl zunächst ihren Ohren nicht. Auch nach gründlicherer Debatte waren sie von Trujillos Vorschlag nicht überzeugt. Kämen die geflüchteten Juden, wenn sie das Angebot annahmen, unter seiner Herrschaft nicht vom Regen in die Traufe? Schließlich war der dominikanische Präsident ein erklärter Bewunderer Hitlers. Nicht zuletzt waren es natürlich auch Trujillos rassistische Beweggründe, die die Angelegenheit bedenklich erscheinen ließen.
Trujillos Angebot gestaltete sich in der Praxis wenig wohltätig. Die hochverschuldete Dominikanische Republik erhoffte sich von den Zuwanderern auch ökonomische Vorteile.

Idealerweise sollten die geflüchteten Juden Geld ins Land bringen. Wie man sich denken kann, war Vermögen unter den frisch enteigneten deutschen und österreichischen Juden kaum noch vorhanden. Die amerikanisch-jüdische Hilfsorganisation unter der interessanten Abkürzung „Joint“ („American Jewish Joint Distribution Committee“) war jedoch bereit, Trujillos Umsiedlungsprojekt finanziell zu unterstützen. Dazu beigetragen hatte sicher James Rosenberg, einer der Joint-Vorsitzenden, der gut mit Trujillo befreundet war. Der Joint finanzierte die Überfahrt, kaufte den Flüchtlingen Land und gewährte ihnen zusätzlich Zahlungen für die Grundausstattung sowie für laufende Kosten in den ersten Jahren. Die jüdischen Siedler sollten den Kredit binnen zehn bis fünfzehn Jahren zurückzahlen. Der Plan war, dass die Flüchtlinge in der Gemeinde Sosúa im Norden der Insel eine landwirtschaftliche Siedlung aufbauen sollten. Dazu bekam jeder Land als Eigentum, das er bewirtschaften sollte. Die Siedlung sollte insgesamt jedoch genossenschaftlich aufgebaut sein.
Letzten Endes wanderten ab 1940 um die 700 europäische Juden in die Dominikanische Republik ein. Die von Trujillo erträumte Zahl wurde also nicht einmal ansatzweise erreicht. Das lag wohl auch an den sehr limitierten Bedingungen, unter denen die Einreise möglich war: Trujillo wünschte sich in erster Linie junge, kräftige Männer mit Erfahrung in der Landwirtschaft. Außerdem sollten sie Junggesellen sein und idealerweise eine Dominikanerin ehelichen, um vor Ort für Nachkommen mit europäischem Einschlag zu sorgen.

Viele der Flüchtlinge waren Ingenieure, Ärzte, Juristen oder Künstler; gaben sich aber einfach als Bauern aus, um auswandern zu können. Ein paar Frauen erhielten ebenfalls eine Einwanderungsgenehmigung, um sich beispielsweise als Krankenschwestern in der Siedlung zu betätigten.

Betreut wurde das Projekt von Mitgliedern des Joints. Diese zeigten sich von den Neuankömmlingen enttäuscht. Die jungen Männer, die zumeist aus dem bürgerlichen Milieu Berlins und Wiens stammten und entsprechenden Komfort gewohnt waren, eigneten sich für die entbehrungsreiche Landarbeit nur bedingt.

Die Umstellung von europäischer auf dominikanische Kultur war also nicht einfach. Noch dazu hieß es zunächst, in Notunterkünften zu hausen, da der Ort Sosúa hoffnungslos heruntergekommen war.
Umso erstaunlicher, dass die Siedler im Laufe der Zeit dennoch eine eigene Infrastruktur aufbauten – nach und nach entstand eine Stadt mit Schule, Kindergarten, Bäckerei, Metzgerei, Friseursalon, Hospital, Apotheke, Theatersaal und einem Café mit österreichischer Küche. Darüber hinaus wurden ein Chor sowie eine Zeitschrift auf Deutsch und Spanisch gegründet. Auch wenn der Alltag von der Landwirtschaft bestimmt war, versuchte sich jeder seiner Ausbildung gemäß noch anderweitig einzubringen. Das kulturelle Leben soll ziemlich rege gewesen sein, da viele der Einwanderer künstlerisch ausgebildet waren.

Auf lange Sicht wurde das Projekt jedoch von einigen Problemen überschattet: Zuallererst war es einfach nicht möglich, aus landwirtschaftlich unerfahrenen Menschen ohne anwesende Experten erfolgreiche Bauern zu machen. Eine Missernte jagte die nächste; wohl auch, weil die Siedler anstatt klimatisch angemessener Kochbananen lieber Tomaten und Paprika anbauten. Desweiteren waren die Auswanderer von Europa schlicht und ergreifend andere kulturelle Standards gewöhnt. Da half selbst das schöne Wetter nichts – ihnen fiel vor Langeweile einfach der strahlend blaue Himmel auf den Kopf. Auch die Tatsache, dass es etwa zehnmal mehr Männer als Frauen in der Kolonie gab, hellte die Stimmung nicht gerade auf. Die Herren, die leer ausgegangen waren, waren chronisch frustriert. Es kam zu Eifersüchteleien, Seitensprüngen, Dreiecksbeziehungen. Die meisten Juden wollten übrigens unter sich bleiben und wünschten sich dementsprechend eine jüdische Partnerin. Zwar mündeten ein paar der Affären mit Einheimischen in den Hafen der Ehe. Trujillos Pläne von der großen Vermischung bewahrheiteten sich trotzdem nicht.

Spätestens als der Zweite Weltkrieg in vollem Gange war, war es zu riskant, mit Flüchtlingen über das Meer zu setzen. Noch dazu wurde der Joint von den USA dazu angehalten, keine Juden aus Deutschland mehr in die Dominikanische Republik einschiffen zu lassen, da man befürchtete, dass die Nazis Spione einschleusen würden. Somit stieg die Zahl der Geretteten nicht weiter an.
Nach Ende des Krieges entschieden sich viele der Siedler, die Insel in Richtung Vereinigte Staaten zu verlassen.

Somit hielt sich der Erfolg des Projekts Sosúa in Grenzen. Gewiss - einige Hundert Juden konnten vor dem Holocaust gerettet werden. Wenn man an die ursprünglich geplante Zahl der Flüchtlinge denkt, wird jedoch klar, dass diese Rettungsaktion nicht dazu ausgelegt wurde, möglichst viele Menschen vor dem Tod zu bewahren. Auch wenn bekanntlich keine Hilfe stinkt, war das Programm Trujillos, das ohnehin ein zweifelhaftes Motto hatte, zu eigennützig auf die Wünsche des Präsidenten und zu wenig auf die Bedürfnisse der Menschen in Not ausgelegt.

von Ulrike Stockmann aus Jüdische Rundschau


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