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UMSTRITTENES SCHULPROJEKT

Vitamin-Bonbons für Schüler: gut gemeint, schlecht verkauft

Santo Domingo, 20.03.2026  –  (tpj)  –  Dominikanische Republik

DomRep - Vitamin-Bonbons für Schüler: gut gemeint, schlecht verkauft
Die Idee klingt zunächst bestechend einfach und auf den ersten Blick modern: Der Staat will Schulkindern fehlende Vitamine ergänzen – verpackt als Bonbons, leicht zu dosieren, angenehm im Geschmack, passend für den Schulalltag. 70.000 Schüler sollten im Rahmen eines Pilotprojekts solche Vitamin-Bonbons erhalten. Dreimal pro Woche, über Monate hinweg, dokumentiert, kontrolliert, wissenschaftlich begleitet.

Hinter dem Plan steht ein reales Problem. Die Versorgung von Kindern mit wichtigen Mikronährstoffen ist laut einer Studie aus dem Jahr 2024 erheblich lückenhaft. Demnach leiden 24,2 Prozent der untersuchten Kinder unter sechs Jahren sowie 17 Prozent aller schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 18 Jahren an Anämie. Hinzu kommen Defizite bei Zink und den Vitaminen A, B6 und E.

Das Schulernährungsprogramm „Programa de Alimentación Escolar“ (PAE) allein reicht offenkundig nicht aus, um alle Lücken zu schließen. Genau hier setzte das Projekt des Schülerwohlfahrtsinstituts INABIE an: nicht als Ersatz für das Schulessen, sondern als Ergänzung. Prävention, frühes Gegensteuern, bessere Versorgung – so lautete die Logik der Idee.

Doch das Projekt „Gomitas multivitamínicas“ scheiterte am politischen Klein-Klein und an den Fragen, die die möglichen Kosten eines schulpolitischen Experiments aufwarfen. Kaum waren Kosten, Mengen und Vergabedetails bekannt, begannen die Debatten. Mehr als 150 Millionen Pesos für Vitamin-Bonbons? Ein Stückpreis, der Fragen aufwirft.

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Die Rechnung ist schnell gemacht: 70.000 Schüler, drei Vitamin-Bonbons pro Woche, 144 Stück pro Kind. Macht 10,08 Millionen Einheiten. Bei einem kalkulierten Gesamtpreis von 151,2 Millionen Pesos ergibt sich damit ein rechnerischer Stückpreis von 15 Pesos, also rund 0,22 Euro pro Bonbon. Pro Schüler summiert sich das auf 2.160 Pesos beziehungsweise 31,76 Euro. Für ein schulisches Pilotprojekt ist das eine Summe, die politisch kaum geräuschlos geblieben wäre.

Genau an diesem Punkt verlor das Vorhaben seine Unschuld. Das Problem war dabei nicht die Idee selbst, Kinder mit nachweisbaren Nährstoffdefiziten gezielt zu unterstützen, sondern die Inszenierung des Ganzen. Denn Vitamine in Bonbonform wirken schnell wie ein PR-taugliches Produkt einer Verwaltung, die Modernität inszenieren will, aber unterschätzt, wie heikel der Umgang mit öffentlichen Geldern ist.

Wer ein solches Projekt startet, muss nicht nur medizinisch überzeugen, sondern auch ökonomisch und politisch. Andernfalls bleibt von der guten Absicht nur der Eindruck eines überteuerten Schnellschusses.

Genau das ist passiert. Das Projekt mit den Vitamin-Bonbons wurde zurückgezogen, offiziell zur technischen und wirtschaftlichen Überarbeitung. Das ist die bürokratische Version eines politischen Rückziehers. Man kann es als Korrektur lesen. Man kann es aber auch als Beleg dafür verstehen, wie schwach öffentliche Projekte oft vorbereitet sind, wenn aus fachlicher Notwendigkeit plötzlich öffentlicher Rechtfertigungsdruck wird.

Dabei ist der eigentliche Befund unerquicklich: Das Ernährungsproblem verschwindet ja nicht, nur weil ein Beschaffungsverfahren scheitert. Die Mängel bleiben, die betroffenen Kinder auch. Ins Wanken geraten ist nicht der Bedarf, sondern das Vertrauen in die Lösung. Die dominikanische Verwaltung steht nun vor einer unangenehmen Frage: Wie bringt man ein sinnvolles gesundheitspolitisches Ziel so auf den Weg, dass es nicht schon an Preislisten, Ausschreibungsdetails und öffentlichem Misstrauen zerbricht?

Vielleicht ist genau das die Lehre dieses Vorgangs. Sozialpolitik braucht heute mehr als gute Absichten. Sie braucht Präzision, Transparenz und die Fähigkeit, jeden Peso erklären zu können. Sonst wird selbst ein Projekt gegen Mangelernährung am Ende zum Beleg für einen Mangel ganz anderer Art: an politischem Feingefühl.

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