Karfreitagspredigt als Appell – Kirche mahnt Politik, Wirtschaft und Gesellschaft
Santo Domingo, 03.04.2026 – (tpj) – Dominikanische Republik

Die Kirche, so der selbstkritische Vorwurf, erkenne gesellschaftliche Spannungen oft nicht mehr früh genug oder benenne sie gegenüber der Regierung nicht mit der gebotenen Klarheit. Stattdessen wirke sie für viele Menschen mitunter näher an den Machtzentren als an den Schwächsten der Gesellschaft – ein heikler Befund.
Eingeleitet wurde die Zeremonie von Monsignore Carlos Tomás Morel Diplán, dem Koadjutor-Erzbischof der Erzdiözese Santo Domingo. In seinen Worten rief er zu Gebet, Besinnung und dazu auf, den Blick auf das Kreuz zu richten – als einen Augenblick, den er als entscheidend für die Menschheit beschrieb.
In der Zusammenfassung aller sieben Predigten im Gedenken an die sieben letzten Worte von Jesus Christus spiegelte sich das Bild eines Landes wider, das in seiner Gesellschaft mit wachsender Ungleichheit, institutioneller Ermüdung und tiefen sozialen Bruchlinien ringt. Besonders deutlich fiel die Kritik an der sozialen Schieflage, am Einfluss sozialer Netzwerke auf Jugendliche, an fehlenden Perspektiven, zunehmender Gewalt, den gestiegenen Lebenshaltungskosten und der Umweltverschmutzung aus.
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1. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“
Prediger: Francisco Benito Alvarado Herrera
Er kritisierte eine Kirche, die sich mitunter näher an der Macht als an den Schwächsten zeige. Außerdem sprach er über die Vernachlässigung von Alten, Kranken und Migranten, über den Einfluss sozialer Netzwerke auf Jugendliche sowie über Gewalt gegen Frauen, Waffen, Drogen und Alkohol.
2. „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“
Prediger: Mario de la Cruz Campusano
Sein Schwerpunkt war die soziale Ungleichheit. Er stellte hohe Gehälter von Funktionären den Einkommen einfacher Arbeiter gegenüber, kritisierte die Priorität großer Projekte trotz Mängeln bei Gesundheit, Bildung und Wohnraum und beklagte, dass arme Bevölkerungsgruppen kaum Zugang zu politischen Entscheidungsträgern hätten.
3. „Siehe, dein Sohn – siehe, deine Mutter“
Prediger: José Ricardo Rosado Acosta
Er stellte die Lage der Frauen in den Mittelpunkt. Ausgehend von Maria unter dem Kreuz sprach er über Gewalt, prekäre Lebensverhältnisse und Vernachlässigung und forderte konkrete Schritte zum Schutz der Würde von Frauen.
4. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? “
Prediger: Candelario Mejía Brito
Er zog eine Parallele zwischen dem Klageruf Christi und dem Gefühl des Verlassenseins bei großen Teilen der Bevölkerung, vor allem bei jungen Menschen. Er sprach über fehlende Perspektiven, niedrige Löhne, Stigmatisierung und prekäre Jobs, etwa im Tourismus, sowie über Obdachlosigkeit und die hohe Zahl der Verkehrsunfälle.
5. „Mich dürstet“
Predigerin: Sor Zoila María Mercedes López
Sie deutete diesen Satz als Durst nach Gerechtigkeit, Würde und funktionierenden öffentlichen Diensten. Besonders angesprochen wurden Migranten, Frauen, Kinder und ältere Menschen. Zudem prangerte sie Feminizide an und warf der politischen Klasse vor, sich eher am Volk zu bedienen als dessen Nöte zu lösen.
6. „Es ist vollbracht“
Prediger: Juan Evangelista Rivas Morillo
Er verband das Wort Christi mit den ungelösten strukturellen Problemen des Landes. Genannt wurden Kriminalität, Gewalt, Feminizide, hohe Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit und Korruption. Dazu kam scharfe Kritik an Abholzung, Umweltverschmutzung, mangelndem Recycling und an der unzureichenden Anwendung des Umweltgesetzes 64-00.
7. „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“
Predigerin: Sor Lourdes Martínez Arcángel
Zum Schluss setzte sie stärker auf einen moralischen Appell. Trotz aller zuvor benannten Missstände forderte sie mehr Empathie, Respekt und Solidarität. Gleichzeitig kritisierte sie Inhalte der Urban Music und rief die Behörden dazu auf, diese stärker zu regulieren.
Die „Predigt der sieben Worte“ wurde damit nicht nur zu einem geistlichen Appell, sondern zeichnete in ihrer Gesamtheit das Bild eines Landes, verbunden mit der Forderung nach mehr Empathie, mehr Verantwortung und mehr Nähe zu den Bedürfnissen der Bevölkerung. So blieb die Karfreitagspredigt damit in ihrer Tradition: als religiöser Text, der zugleich gesellschaftliche Diagnose ist.
