Santo Domingo baut immer höher – aber wie erdbebensicher sind die neuen Wohntürme?
Santo Domingo, 13.08.2026 – (tpj) – Dominikanische Republik

Wer heute durch Santo Domingo fährt, kann den Bauboom kaum übersehen. Baukräne bestimmen vielerorts das Stadtbild, neue Apartmenthäuser wachsen zwischen bestehenden Wohnvierteln empor und Grundstücke, auf denen früher ein oder zwei Häuser standen, werden zunehmend mit mehrstöckigen Wohnanlagen bebaut.
Der Trend lässt sich inzwischen auch mit Zahlen belegen: Von Januar bis Juli dieses Jahres erteilte das „Ministerio de Vivienda, Hábitat y Edificaciones“ (Ministerium für Wohnungsbau, Lebensraum und Gebäude) landesweit insgesamt 1.122 Baugenehmigungen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es lediglich 605. Besonders stark wächst der Bau größerer Wohngebäude. Allein für Gebäude mit sieben bis 15 Stockwerken wurden in den ersten sieben Monaten dieses Jahres 102 Genehmigungen erteilt – 2025 waren es im gleichen Zeitraum nur 44.
Apartments treiben den Bauboom
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Dass sich ausgerechnet jetzt eine Diskussion über die Erdbebensicherheit dieser Gebäude entwickelt, kommt nicht von ungefähr. Vor nur wenigen Wochen erschütterten gleich zwei schwere Erdbeben Venezuela und Kolumbien mit Stärken von 7,5 und 7,4. Beide Länder liegen an der südamerikanischen Karibikküste und damit nur etwa 1.000 Kilometer Luftlinie von der DomRep entfernt – dazwischen liegt lediglich die Karibische See.
Wohnungsbauminister Víctor Bisonó nahm die jüngsten Beben zum Anlass, Bauherren und Projektentwickler ausdrücklich zur Einhaltung der vorgeschriebenen Genehmigungen und Sicherheitsstandards aufzurufen. Dabei räumte er gleichzeitig ein Problem ein: Noch immer gebe es größere Bauvorhaben, bei denen trotz wiederholter Aufforderungen Genehmigungs- und Kontrollvorschriften nicht eingehalten würden. Das Ministerium will deshalb Inspektionen und Sanktionen weiter stärken.
Das Thema ist keineswegs theoretisch. Die Dominikanische Republik befindet sich in einer geologisch besonders aktiven Zone, in der die nordamerikanische und die karibische Erdplatte aufeinandertreffen. Eine der bedeutendsten Störungszonen ist die sogenannte Septentrional-Verwerfung, die sich durch den Norden zieht und dabei auch das dicht besiedelte Cibao-Tal mit Santiago durchquert. Der US Geological Survey bezeichnet die Septentrional-Verwerfung ausdrücklich als mögliche Quelle großer Erdbeben und weist auf das erhebliche seismische Risiko entlang dieser Plattengrenze hin. Übrigens: Das stärkste jemals instrumentell registrierte Erdbeben in diesem Gebiet ereignete sich am 4. August 1946 vor der dominikanischen Nordküste und erreichte nach Angaben des Nationalen Zentrums für Seismologie eine Stärke von 8,1.
Nicht allein die Höhe entscheidet
Ein Hochhaus ist allerdings nicht automatisch gefährlicher als ein Einfamilienhaus. Entscheidend sind Konstruktion, Bauqualität – und der Untergrund, auf dem ein Gebäude steht. Genau hier setzt die aktuelle Warnung des bekannten dominikanischen Geologen Osiris de León an. Bei hohen Gebäuden auf weichen Böden müsse besonders genau untersucht werden, wie sich der jeweilige Untergrund bei einem starken Erdbeben verhält. Solche Böden können seismische Wellen verstärken und damit die Belastung eines Gebäudes erheblich erhöhen.
Nach Angaben de León finden sich entsprechende Bodenverhältnisse auch in Teilen des Großraums Santo Domingo. Genannt werden Los Prados, Jardines del Norte, Los Ríos, Villa Mella und Los Alcarrizos. Der Fachmann plädiert deshalb bei entsprechenden Standorten für genaue lokale Untersuchungen bereits vor der statischen Planung eines Gebäudes.
Erdbeben-Regeln stammen noch von 2011
Für die Konstruktion erdbebensicherer Gebäude gilt bislang das 2011 vom damaligen Ministerium für öffentliche Arbeiten (MOPC) erarbeitete Regelwerk „R-001“ für die Analyse und seismische Auslegung von Bauwerken. Seine letzte Fassung stammt aus dem Jahr 2011 und unterteilt das Land grundsätzlich in Gebiete hoher und mittlerer seismischer Gefährdung.
Der Norden einschließlich des Cibao gehört zur Zone mit hoher Seismizität, große Teile des Südens und Ostens werden der mittleren Zone zugerechnet. Experten wie Osiris de León halten eine Aktualisierung für notwendig und fordern unter anderem eine stärkere sogenannte Mikrozonierung: Statt einer großflächigen Einstufung soll dabei genauer berücksichtigt werden, wie sich der Boden eines einzelnen Gebietes oder Bauplatzes bei einem Beben verhält.
Bei den Vorschriften befindet sich das Land derzeit ohnehin in einer Übergangsphase. Im April dieses Jahres hat das „Ministerio de Vivienda, Hábitat y Edificaciones“ einen neuen allgemeinen „Código de Construcción de la República Dominicana“ offiziell in Kraft gesetzt. Bis zum 10. April 2027 können neue Bauanträge jedoch unter bestimmten Voraussetzungen noch nach dem bisherigen technischen Regelwerk oder bereits nach dem neuen Baukodex bearbeitet werden. Danach wird der neue Kodex verbindlich. Davon zu unterscheiden ist die spezielle seismische Norm: Nach Angaben von Minister Bisonó befindet sich ein neuer Erdbebencode derzeit noch in der Konsultation.
Größeres Problem: Bauen ohne Kontrolle
Die Diskussion darf dabei nicht den Eindruck erwecken, dass Bewohner moderner Apartmenttürme grundsätzlich um ihre Sicherheit fürchten müssten. Regulär geplante und genehmigte Hochhäuser werden statisch berechnet und müssen die geltenden Bauvorschriften erfüllen. Vertreter der Bauwirtschaft sehen deshalb das wesentlich größere Risiko bei Gebäuden, die informell, ohne Genehmigung oder ohne ausreichende technische Kontrolle errichtet beziehungsweise später verändert wurden.
Genau hier liegt möglicherweise die eigentliche Herausforderung. Denn während moderne Türme technisch immer anspruchsvoller geplant werden, existieren in der Dominikanischen Republik gleichzeitig unzählige ältere oder informell errichtete Gebäude, bei denen nur schwer nachvollziehbar ist, ob statische Vorgaben eingehalten wurden. Minister Bisonó hat deshalb angekündigt, stärker gegen Bauherren vorzugehen, die sich Genehmigungen und Kontrollen entziehen.
Der Bauboom selbst muss also kein Sicherheitsproblem sein. Im Gegenteil: Moderne Bauverfahren ermöglichen heute wesentlich widerstandsfähigere Gebäude als noch vor Jahrzehnten. Entscheidend ist jedoch, dass Planung, Bodenuntersuchung, Genehmigung und Bauausführung mit dem Tempo Schritt halten, mit dem in Santo Domingo immer neue Etagen in den Himmel wachsen.
Denn wann und wo das nächste schwere Erdbeben die Dominikanische Republik treffen wird, lässt sich nicht vorhersagen. Wie gut die Gebäude darauf vorbereitet sind, dagegen schon.
