Energieministerium denkt ernsthaft über Atomstrom aus Mini-Reaktoren nach
Santo Domingo · 8. September 2026 · tpj

Hintergrund ist der rapide wachsende Strombedarf, vor allem durch das starke Wirtschaftswachstum. Dafür werden zusätzlich enorme Mengen an zuverlässig verfügbaren Stroms benötigt. Ganz neu ist die Idee allerdings nicht. Im Gegenteil: Die Dominikanische Republik beschäftigt sich seit fast 70 Jahren immer wieder mit einem eigenen Atomkraftwerk.
Bereits 1956 ließ die Regierung des damaligen Diktators Rafael Leónidas Trujillo von der amerikanischen Ingenieurgesellschaft Stone & Webster einen langfristigen Elektrifizierungsplan für das Land erstellen. Darin war tatsächlich der Bau eines Atomkraftwerks am Río Haina westlich von Santo Domingo vorgesehen. Der Reaktor sollte rund 20 Megawatt leisten – damals eine beträchtliche Größenordnung für das noch sehr kleine dominikanische Stromnetz. Das Projekt kam jedoch nie über die Planungsphase hinaus.
Interessant ist, dass selbst die US-Regierung damals auf die Bremse trat. Aus historischen Unterlagen des amerikanischen Außenministeriums geht hervor, dass Washington Ende der 1950er-Jahre zwar bereit war, die Dominikanische Republik bei nuklearer Forschung und Ausbildung zu unterstützen, von einem Leistungsreaktor zur Stromerzeugung zunächst aber ausdrücklich abriet. Das Land müsse zuerst Fachleute ausbilden und seine Planungen weiterentwickeln. Damit war das Thema jedoch keineswegs erledigt.
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2008 und 2009 folgten weitere Vorstöße und Experten erklärten öffentlich, ein Atomkraftwerk sei für die Dominikanische Republik technisch möglich. Gebaut wurde dennoch nichts. Der Schwerpunkt der dominikanischen Nuklearpolitik verlagerte sich anschließend wieder auf Medizin, Strahlenschutz, Forschung sowie die sichere Lagerung radioaktiver Materialien. Noch 2018 bezeichnete das Energieministerium die Vorstellung einer nuklearen Stromerzeugung im Land kurzfristig selbst als kaum realistisch.
Die Atomkraft blieb damit jahrzehntelang eine Option für irgendwann – aber kein konkretes Energieprojekt. Genau das hat sich inzwischen verändert. Im Mai dieses Jahres hatte das Energieministerium erklärt, dass an einem Vorprojekt und einer Machbarkeitsstudie für die mögliche Einführung der Kernenergie gearbeitet werde. José Luis Quiñones, heute Direktor für Nuklearpolitik und Nukleardienstleistungen im Ministerium, bezifferte den Weg von den ersten Untersuchungen bis zur möglichen Installation eines Reaktors auf zehn bis 15 Jahre. Dafür müssten unter anderem das Stromnetz verstärkt, ein entsprechendes Sicherheits- und Regelwerk geschaffen und Fachpersonal ausgebildet werden.
Am 18. Juni folgte der nächste Schritt: Santo Domingo und Washington unterzeichneten ein Memorandum über die Zusammenarbeit bei ziviler Nukleartechnologie. Das Abkommen sieht unter anderem Wissensaustausch, Ausbildung und technische Zusammenarbeit vor und nennt ausdrücklich auch die nukleare Stromerzeugung als mögliches Anwendungsgebiet. Einen Beschluss zum Bau eines Atomkraftwerks oder eine konkrete Investitionszusage beinhaltet das Abkommen allerdings nicht.
Jetzt geht Energieminister Santos noch weiter und erklärte vor der Presse, dass die Regierung ausdrücklich Interesse daran habe, Kernenergie künftig in das nationale Stromsystem zu integrieren. Sein Argument: Wenn sich die dominikanische Wirtschaft innerhalb von 15 Jahren verdoppeln soll, brauche das Land neben Solar-, Wind- und konventionellen Kraftwerken weitere sichere und verlässlich verfügbare Energiequellen.
Sollte es tatsächlich irgendwann dazu kommen, dürfte die Dominikanische Republik allerdings kaum ein klassisches Großkraftwerk mit einem oder mehreren Reaktoren von jeweils mehr als 1.000 Megawatt bauen. Die Regierung interessiert sich vor allem für sogenannte Small Modular Reactors, kurz SMR. Dabei handelt es sich um deutlich kleinere, modular aufgebaute Reaktoren. Santos nennt für mögliche Anlagen eine Größenordnung von etwa 250 bis 300 Megawatt. Auch der MIT-Professor und Nukleartechnik-Experte Jacopo Buongiorno hatte bei einem Energieforum in Santo Domingo bereits 2024 erklärt, dass gerade solche kleineren Reaktoren besser zur Größe und Wirtschaftsstruktur der Dominikanischen Republik passen könnten als traditionelle Großkraftwerke.
Die maximale Stromnachfrage in der Dominikanischen Republik überschritt im Juli dieses Jahres erstmals 4.300 Megawatt und erreichte Ende Juli sogar 4.330,8 Megawatt. Die gesamte installierte Kraftwerksleistung liegt inzwischen bei mehr als 7.600 Megawatt, gegenüber 4.921 Megawatt im Jahr 2020.
Ein einzelner klassischer 1.000-Megawatt-Reaktor entspräche damit rechnerisch fast einem Viertel der heutigen Spitzenlast des gesamten Landes. Fiele ein solches Kraftwerk plötzlich aus, müsste das Stromsystem innerhalb kürzester Zeit eine enorme Leistung ersetzen. Ein Reaktor mit 250 oder 300 Megawatt wäre wesentlich leichter in das vergleichsweise kleine dominikanische Netz zu integrieren.
Atomkraft als Partner von Sonne und Wind? Auf den ersten Blick erscheint Kernenergie ausgerechnet in der sonnenreichen Karibik ungewöhnlich. Doch genau der massive Ausbau von Solar- und Windkraft ist ein Grund, weshalb die Regierung zusätzliche dauerhaft verfügbare Kraftwerksleistung sucht.
Rund ein Viertel der dominikanischen Stromerzeugung stammt inzwischen aus erneuerbaren Energien. Gas liefert nach Regierungsangaben knapp 40 Prozent, Kohle etwa 28 Prozent. Der Solarstrom wächst besonders schnell. Doch wenn die Sonne untergeht, fällt ein immer größerer Teil dieser Produktion innerhalb weniger Stunden weg. Deshalb schreibt die Regierung bei neuen großen Solar- und Windprojekten inzwischen Batteriespeicher vor.
Ein Kernreaktor könnte dagegen rund um die Uhr Strom erzeugen und damit einen Teil der sogenannten gesicherten Leistung übernehmen, die heute vor allem Gas- und Kohlekraftwerke bereitstellen. Damit könnte Atomkraft langfristig auch die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern. Komplett unabhängig würde die Dominikanische Republik dadurch allerdings nicht: Auch Brennstoff für Kernreaktoren müsste importiert werden.
Wer jetzt allerdings glaubt, ein Kernkraftwerk könnte die jahrzehntealten Stromprobleme des Landes auf einen Schlag beseitigen, dürfte enttäuscht werden. Denn ein erheblicher Teil der Probleme entsteht gar nicht bei der Stromerzeugung. Allein im ersten Halbjahr 2026 verloren die drei staatlichen Stromverteiler 39,1 Prozent der von ihnen eingekauften Energie. Bei Edeeste waren es sogar 55,9 Prozent. Hinter diesen Verlusten stehen technische Netzverluste ebenso wie illegale Anschlüsse, Manipulationen und nicht abgerechneter Strom.
Ein Atomkraftwerk kann zwar zusätzlichen Strom erzeugen. Kaputte Leitungen, Stromdiebstahl, ineffiziente Verteilnetze und milliardenschwere Defizite der Versorger repariert ein Reaktor aber nicht. Genau deshalb wäre der Einstieg in die Kernenergie nicht einfach der Bau eines neuen Kraftwerks. Das gesamte Stromsystem müsste parallel weiter modernisiert werden.
Noch schwieriger dürfte die Frage werden: Wo könnte ein solches Kraftwerk überhaupt stehen? Bislang existiert kein Standort. Für die DomRep wäre diese Entscheidung besonders anspruchsvoll. Das Land liegt in einer seismisch aktiven Region, wird regelmäßig von tropischen Wirbelstürmen bedroht und besitzt große dicht besiedelte sowie touristisch intensiv genutzte Küstenabschnitte.
Nach den Sicherheitsstandards der Internationalen Atomenergie-Organisation müssen bei der Standortwahl unter anderem aktive geologische Störungen, Erdbeben, Tsunamis, Sturmfluten, Überschwemmungen, extreme Niederschläge und Hurrikan-Winde untersucht werden. Ebenso entscheidend sind Bevölkerungsdichte, Evakuierungsmöglichkeiten und die Versorgung eines Kraftwerks mit Kühlwasser.
Ein moderner Reaktor kann technisch gegen starke Erdbeben und extreme Wetterereignisse ausgelegt werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Standort geeignet wäre. Bevor überhaupt über einen Bau gesprochen werden könnte, wären jahrelange geologische, hydrologische und meteorologische Untersuchungen nötig.
Und wohin mit dem Atommüll? Die Dominikaner verfügen zwar bereits über Erfahrung im Umgang mit radioaktiven Materialien aus Medizin und Industrie. Seit mehr als einem Jahrzehnt gibt es sogar ein speziell gesichertes Zentrum zur Lagerung ausgedienter radioaktiver Quellen. Die Mengen und Anforderungen eines kommerziellen Kernkraftwerks wären jedoch eine völlig andere Größenordnung. Das Land müsste deshalb bereits vor dem Bau klären, wie Brennelemente gelagert, transportiert und langfristig entsorgt werden sollen und wer dafür finanziell verantwortlich ist.
Selbst wenn sich die Regierung nach den laufenden Untersuchungen grundsätzlich für Kernenergie entscheiden sollte, würde daher noch lange kein Reaktor gebaut. Das Energieministerium selbst spricht von einem Prozess von zehn bis 15 Jahren. Von 2026 aus gerechnet wäre ein kommerzielles Atomkraftwerk damit frühestens ein Thema für die zweite Hälfte der 2030er-Jahre oder sogar die 2040er-Jahre. Und dafür müssten Finanzierung, Technologie, Standort, Genehmigungen, Sicherheitsbehörden, Fachpersonal und Stromnetz ohne größere Verzögerungen vorbereitet werden.
Noch gibt es weder einen ausgewählten Reaktor noch einen Standort, einen Bauvertrag oder eine genehmigte Milliardeninvestition. Energieminister Santos hat dies ausdrücklich klargestellt. Dennoch steht die Frage auf der energiepolitischen Tagesordnung. Ob daraus tatsächlich einmal das erste Atomkraftwerk auf einer Karibikinsel wird, ist völlig offen. Aber so konkret wie heute war die Diskussion seit Jahrzehnten nicht mehr.
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