LESERBRIEFE

Lesergeschichten
und Briefe

Unsere Leser haben hier das Wort. Leserbriefe spiegeln ausschließlich die Meinung ihrer Verfasser wider, nicht die Haltung der Redaktion.

- WERBUNG -

Leserbriefe

▸ Werner, der Märchenonkel


▸ TÜV ohne Probleme


▸ Der Jesus von Punta Rusia


▸ Das endlose Leiden des Klaus


▸ Eine traurig schöne Insel


▸ Ruhe gesucht - Lärm gefunden


Rubriken

▸ Reportagen & Stories


▸ So schmeckt die DomRep


▸ Auswandern


▸ Lesergeschichten & Briefe


▸ PR's & Empfehlungen


- WERBUNG -

GEDANKEN POSTHUM AN EINEN VERARMTEN GESCHICHTENERZÄHLER

„Werner, der Wal“ - verarmter Hochstapler und Märchenonkel

Sosúa, 03.10.2019  –   ein Beitrag von Christian Vogt

Werner, wegen seines dicken Bauches auch insgeheim von mir „Werner, der Wal“ genannt, war ein deutscher Auswanderer vom Typ „verarmten Geschichtenerzähler“.

Heute weiß ich, dass er damals in Deutschland, bevor seine Firma in den Konkurs ging, schnell noch alles zusammengerafft hatte, um dem drohenden Insolvenzverfahren zu entgehen. In der Hektik der Flucht, wurde leider „vergessen“, einige noch offene Rechnungen, wie z. B. die Firmen Tankstellenrechnung von ca. 23.000 Mark zu bezahlen. Ein Schelm aber, wer dahinter Absicht vermutet.

Bei diversen geschäftlichen Versuchen hatte er hier in der „DomRep“, wie so viele andere, sein mitgebrachtes Geld nach einigen Jahren aufgebraucht, sich aber zum Ausgleich eine dominikanische Frau mit vier Töchtern angeschafft, die allesamt aber nicht von ihm waren. Zum Glück hatte seine Frau zur Zeit für eine Dominikanerin ungewöhnlich gutes Gehalt, weil Sie seit kurzem beim Supermarkt „Productos Sosúa“ arbeitete, einem sozial eingestelltem Unternehmen und von diesem Ihrem Gehalt lebte, unser Werner nun mit.

Werner kam aus dem Hessischen und war, ich möchte fast sagen, der talentierteste Geschichtenerzähler, den ich je getroffen habe. Von Anfang an hing ich an seinen Lippen, wie ein Süchtiger an der Nadel, und versuchte nicht ein einziges Wort zu verpassen, welches er von sich gab.

Ich und mein Kumpel „Katze“ aus Dresden waren neu auf der Insel und wussten nichts über die DomRep und so betete ich Werner an, der ja schon über 14 Jahre hier lebte – und, wie er stolz erwähnte, schon vier mal überfallen worden war! Sein Haus lag sehr abgelegen in der Residenten-Wohngegend „La Mulata“.

Wir wohnten damals alle im Hotel „Vista Mar“, einem ehemaligen, heruntergekommenen „All inclusive“ Hotel, welches nun günstige Wohnungen für Dauermieter anbot. Der Mietpreis war lächerlich gering und beinhaltete alle Nebenkosten, sogar Strom und die Benutzung des großen Pools. Die 54 Wohnungen waren belegt von ca. 50 % Ausländern, 40 % Nutten 10 % sogenannter „anständiger Dominikanern“, die einer Arbeit nachgingen. – Eine explosive Mischung!

Der Ausblick aufs Meer war atemberaubend und noch heute gehen langjährig hier lebende Einwohner in die Knie, so spektakulär ist der Blick vom „Vista Mar“ über die Bucht von Sosúa. Und es gab eine Bar mit Billard-Tisch, an dem mein Freund „Katze“ oft mehr Bier gewann, als er „vernichten“ konnte.

„Katze“ und ich, noch im Arbeitstrott, standen um 7 Uhr pünktlich auf, wobei „Katze“ jedes Mal fragte „Was spricht die Uhr? “ (Uhren sprechen nicht! ) und „Gibt es Kaffee? “ Werner lauerte schon darauf, dass wir uns auf den Balkon setzten und zwei Minuten später saß er neben uns und schnorrte Kaffee.

Heute muss ich zugeben, dass ich seinen Erzählkünsten absolut hörig war, es begann morgens um 7 Uhr auf dem Balkon und kurz darauf begaben wir uns alle in den Pool, wo ich weiterhin mit religiöser Inbrunst meinem neu entdeckten Guru lauschte.
Erst sehr viel später fand ich heraus, dass er nicht nur unsere Gesellschaft suchte, sicher war ihm auch langweilig mit „seinen Weibern“, sondern dass das Einkommen seiner Frau so gering war, dass es gerade für Miete und Essen reichte, für Kaffee reichte es schon nicht mehr! (Für die meisten Dominikaner ist Kaffee Luxus, deswegen gibt es auch in den kleinen Tante-Emma-Lädchen, sog. Colmados, kleine Mini-Portionen in Beutelchen für 5 Pesos, die für eine Kanne Kaffee reichen).

Seine Stimme war wie geschaffen für einen Erzähler, tief, sonor und sehr angenehm und er war, das muss ich zu der Ehrenrettung meiner neuen Sucht sagen, rhetorisch perfekt. Er sprach relativ leise, setzte die Pausen wirkungsvoll und an den richtigen Stellen ein. Ich war wirklich völlig gefesselt von ihm, die Geschichten waren gut, seine Stimme versetzte mich in eine Art „Trance“ und ich wollte natürlich auch alles an Erfahrungen aus ihm heraussaugen, um zu verhindern, das mir etwa gleiches geschah wie ihm, wie etwa mein ganzes Geld hier zu verlieren oder überfallen zu werden (im CIA Jargon nennt man das „Informanten melken“).

Es gab da leider einen gewissen, unerwarteten „Rückkopplungseffekt“. Die Geschichten des „Wals“ wurden nun immer gewagter und verwegener, da er nun in mir einen glühenden Anbeter und Fan ausgemacht hatte und so begann er nun auch in Folge seine ersten Fehler zu machen.

Ich kannte diese verschiedenen „Auswanderer-Typen“ hier noch nicht und kannte auch aus Deutschland aus meinem Umfeld keinerlei Leute mit wirklich ernsthaften Geldproblemen.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichten des Wals war zunächst seine überaus erfolgreiche geschäftliche Karriere in Deutschland, seine Erfolgsstory schlechthin. Hier wurden Millionen-Deals eingefädelt und internationale Transaktionen getätigt, in die sogar das Auswärtige Amt verwickelt waren, Minister riefen an und fragten um Rat, die Geschichten des „Wals“ wurden immer dreister und verwegener und ich sein gläubiger Depp, sein allzu willfähriges Opfer, unterdrückte meinen inzwischen schon schmerzenden Harndrang im Pool, um ja bloß nicht eine einzige Silbe zu verpassen. ..

Er war mein Guru und ich sein Jünger! Jedem „normalen“ Menschen wären schon von Anfang an, die schreiende Kluft zwischen seinen Erfolgsfeschichten und seiner Verarmung aufgefallen. Wenn er doch so ein Geschäftsgenie war, wie er vorgab zu sein, wieso hatte er dann alles Geld hier in der DomRep bei Geschäften verloren und nicht das mitgebrachte Geld erfolgreich vermehrt?

Heute muss ich herzhaft lachen, wie naiv und doof ich damals gewesen bin, muss aber zu meiner Ehrenrettung anführen, dass ich diese Mischpoke von deutschen DomRep-Auswanderen damals noch nicht kannte: Hochstapler, Betrüger, „Alimente-Zahlungsflüchtige“, gesuchte Verbrecher, Steuerflüchtlinge, Alkoholiker, Psychopathen und diejenigen, welche mit relativ bescheidenen Mitteln ausgewandert und inzwischen völlig verarmt waren und mit allen möglichen Tricks täglich überlebten. ..

Unter Ihnen war Werner noch einer der harmlosesten! Inzwischen war die Char seiner Zuhörer am Pool gewachsen und so ergriff auch schon einmal der eine oder andere Zuhörer das Wort und es ergaben sich teils andere Themen, als Werners überaus erfolgreiche geschäftliche Vergangenheit in Deutschland. Bevor Werner nun seine Felle wegschwimmen sah, schaltete er – flexibel wie er war – einfach um. Egal welches Thema nun aufkam, Werner zog das Wort wieder an sich und war wieder überall der Größte und Beste, egal welches Thema nun aufkam! Er improvisierte von nun an immer mehr und so machte in der Folge auch Fehler.

Einmal kam es zum Thema Motorräder. Werner, der hier mit einer „Yamaha-Chappy“ (Billigstmotorrad mit winzigen Rädern) in einem Schlagloch gestürzt war und sich einen komplizierten Beinbruch zugezogen hatte, erzählte stolz, dass er in Deutschland eine vergoldetete „Honda Goldwing 1000“ besessen hatte, eine Sonderausgabe, von der weltweit nur 50 Stück hergestellt worden waren, aber über 5.000 Bestellungen vorlagen. Dieses Edel-Motorrad kostete für die damalige Zeit unglaubliche Betrag von 25.000 Mark und sollte nur an ganz wenige, einzelne und handverlesene Kunden mit Referenzen wie Werner ausgeliefert worden sein.

So ging es dann in einem weiter, Werner hatte immer nur das Größte, Beste, Teuerste und so weiter. Er selber war immer nur der Beste, Erfolgreichste, sSchlauste und so weiter und so fort. .. Selbst da glaubte ich ihm noch alles, ich, der verlorene Narr, der totale Schwachmaat, bis mir dann eines Morgen ein ganzer Kronleuchter aufging und ich doch endlich wieder zu mir kam.

Heute, im Nachhinein ist mir alles klar! Psychologisch gesehen hatte ich vielmehr davon, wenn ich den ganzen Schwachsinn glaubte, den Werner verzapfte, immerhin war ich ja von Werner als würdig erachtet sein Jünger sein zu dürfen und war in die „Werner Sekte der Super-Erfolgreichen“ aufgenommen worden. Aber soweit war ich damals ja noch lange nicht, dieses zu erkennen.

Mir hätte eigentlich damals schon der krasse Gegensatz zwischen seinen „Erfolgen“ und seiner Verarmung auffallen müssen, aber durch Werner habe ich folgendes erkannt: Der Gläubige will unbedingt glauben – das ist der ganze, simple Trick alle Sekten und Religionen!

An diesem denkwürdigen Tage, wir waren zahlreich im Pool versammelt, erzählte der „Wal“, dass er früher einer von nur einhundert weltweit existierenden Super-Elite-Söldnern gewesen sei, die von allen Regierungen, Organisationen, Firmen und Privatpersonen für extrem heikle Missionen weltweit angeheuert worden waren, eine Art Super-Elite-Soldat á la Rambo mit einer Tagesgage von 15.000 Mark plus aller anfallenden Spesen.

Er – der Mittellose – habe erst noch vor ganz kurzem einen Job angeboten bekommen, von den Saudis, mit einem speziellen Geländewagen von Maserati, welcher im Gelände über 200 km/h fahren kann, die Grenze zu sichern und abzufahren für eine Millionen Mark Jahresgehalt – Bar cash! „Mensch Werner, das ist ja toll, Du das würde ich sofort machen! “ sagte ich zu ihm. Darauf antwortete er: „Christian, ich musste ablehnen, weil meine Augen nicht mehr so gut sind, ich kann das nicht verantworten! “ Also edel war er auch noch!

Danach wechselten wir das Thema, kamen aber nach einer Stunde irgendwie auf das Thema Bundeswehr, wo Werner nur lapidar beifügte „Nee, da musste ich nicht hin, ich war untauglich! “ In diesem, bis heute unvergessenen, Moment fiel mir die „rosarote Brille“, mit der ich Werner bis zu diesem Augenblick gesehen hatte, in den Pool und ich sah Ihn nun endlich, als den der er wirklich war. Ein Lügner und Hochstapler, ein Geschichtenerzähler und Märchenonkel mit gewissen Talenten, aber eben weit entfernt von den großen Lügnern und erfolgreichen Hochstaplern der Geschichte, wie Felix Krull oder Wilhelm Vogt, dem Hauptmann von Köpenick.

Ich starrte ihn nur noch völlig ungläubig an, er hatte alles kaputt gemacht, an das ich bis dato geglaubt hatte. Er hatte sich selbst entzaubert, alleine durch die simple Tatsache, dass er sich in seinem Gespinst aus erfundenen Geschichten und Lügen selber schon so verworren hatte, dass er sich nicht mal mehr selber merken konnte, was er vor einer Stunde erzählt hatte.

Werner, mein Held, mein Star, nichts als ein billiger Lügner und Geschichtenerzähler. Ich war maßlos enttäuscht, ähnlich Kindern, die zum ersten Mal entdecken, dass der Weihnachtsmann ja in Wirklichkeit Vati oder Onkel Heinz ist.

Völlig verarmt ist Werner später nach Österreich gegangen, weil ihm dort sein Bruder aus Mitleid eine Stelle als „Frühstücksdirektor“ bei der Post besorgt hatte. Es war sicher eine Stelle, die völlig überflüssig war, wo aber er, Werner der Wal, auch keinerlei Schaden anrichten konnte und ganz sicher auf gar keinen Fall Kundenkontakt hatte!

Einmal noch traf ich ihn später (er hatte zwei Wochen Urlaub) im großen Supermarkt „Playero“, wo er mich sofort als ehemaliges „Opfer“ wieder erkannte und mich über eine Stunde mit seinen „Erfolgsstories aus Österreich“ zwischen dem Obst- und Brotregal festhielt. Da sein Zauber für mich verflogen war, dauerte die Stunde endlos, ich war nur noch genervt und schaffte es dann endlich irgendwann nur noch mit einer Notlüge mich von ihm zu befreien.

Danach hielt ich, für die Dauer seines angekündigten Aufenthaltes, egal wohin ich ging, wie ein Indianer-Späher aufmerksam Ausschau nach ihm, um ihm nicht noch einmal „in die Fänge zu geraten“.

Ein Jahr später hörte ich dann, dass er an Krebs verstorben war. – R. I. P. Werner!

Im Laufe der weiteren Zeit hier in der DomRep, habe ich mir dann von weiteren Schwindlern, Hochstapler und Betrügern noch weitere Lügen und Geschichten anhören müssen. Die meisten wollten dann allerdings mein Geld, was Ihnen durch die Erfahrung mit Werner leider nicht gelungen ist. Somit muss ich Werner ja posthum danken, weil ich durch ihn ja meine „jungfräuliche Gläubigkeit“ verloren hatte und ich danach allen weiteren Geschichten von anderen Residenten erst einmal mit einer gewissen, gesunden Skepsis entgegentrete.

Vielleicht wollte ich damals einfach nur noch einmal Kind sein und den ganzen Unsinn glauben, den Werner verzapfte. Zu meiner eigenen Verwunderung muss ich eingestehen, dass ich glücklicher gewesen war, als ich ihm noch alles glaubte. Werner, mein Held, mein Supermann, mein Vorbild! Noch einmal Kind sein und aussteigen aus der nüchternen, langweiligen Welt der Erwachsenen und in einer spannenden Fantasiewelt leben, wer möchte das nicht gerne auch ab und zu?

Ich verstehe auch gut, seid dieser Erfahrung mit Werner, warum sich die Wut der Sektenmitglieder immer und ohne Ausnahme gegen diejenigen richtet, die Ihren Guru entzaubern, anstatt denen unendlich dankbar zu sein und statt dessen auf den Guru sauer zu sein. Glauben kann ja so schön sein!

Werner, ich danke dir für die zahlreichen Stunden, in denen du mich mit deinen Geschichten verzaubert hattest. ..


Hinweis der Redaktion:

In dieser Rubrik kommen unsere Leser zu Wort. Die veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich deren persönliche Meinung wieder – nicht die der Redaktion. Wir behalten uns vor, Zuschriften auszuwählen und aus redaktionellen Gründen gegebenenfalls zu kürzen.