Als 1897 die Eisenbahn nach Puerto Plata kam – und was von ihr blieb
Puerto Plata, 22.07.2025 – ein Beitrag von Thomas P. Jung – 2.771 mal gelesen
Im Jahr 1890 nahm die Regierung bei der holländischen Firma Westendorp & Cía. einen Kredit in Höhe von 900.000 Pfund Sterling auf und erließ ein Gesetz, das den Bau der sogenannten „Ferrocarril Central Dominicano“ (Dominikanische Zentralbahn) als gemeinnützig erklärte.

Der Bau der Strecke war technisch anspruchsvoll. Er wurde von nordamerikanischen Ingenieuren begleitet, unter anderem aus New York und New Orleans. Die Gesellschaft „Ferrocarril Central Dominicano“ wurde eigens zu diesem Zweck gegründet und operierte unter teils ausländischer Beteiligung. Finanziell war das Projekt eng an internationale Anleihen gekoppelt, deren Rückzahlung die öffentliche Haushaltslage des Landes in den kommenden Jahrzehnten belasten sollte.
Am 16. August 1897 war es schließlich so weit: Mit der feierlichen Einfahrt des ersten Zuges in den Bahnhof von Puerto Plata wurde die erste kommerzielle Eisenbahnlinie der Dominikanischen Republik eröffnet. Sie verband die im Inland gelegene Stadt Santiago de los Caballeros mit der an der Nordküste gelegenen Hafenstadt Puerto Plata – eine Distanz von etwa 80 Kilometern. Was aus heutiger Sicht bescheiden wirkt, war für das damals infrastrukturell kaum erschlossene Land von erheblicher Bedeutung. Die Bahnlinie diente in erster Linie dem Transport von Gütern wie Zucker, Kakao, Tabak und Kaffee und erschloss der wirtschaftlich produktivsten Region des Landes, dem Cibao-Tal, einen direkten Zugang zum Seehandel.
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Doch die Eisenbahn blieb trotz ihres Namens ein lokales Projekt. Die „Ferrocarril Central Dominicano“ verband lediglich zwei Städte – andere Regionen wurden nicht integriert. Ein Ausbau des Streckennetzes blieb aus und der politische Wille dazu erlosch spätestens nach dem Tod von Heureaux, dessen Nachfolger andere Prioritäten setzten.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verlor die Strecke an Bedeutung. Mit dem Ausbau des Straßenverkehrs während der Regierungszeit von Diktator Trujillo begann eine Verlagerung der Handelsströme in Richtung Santo Domingo. Der Eisenbahnbetrieb wurde zunehmend unrentabler und 1957 schließlich vollständig eingestellt. Die Gesellschaft wurde aufgelöst und das Material demontiert oder verrottete im Freien.
Heute ist von der „Ferrocarril Central Dominicano“ kaum mehr etwas zu sehen. Die alten Bahnhöfe sind verschwunden, die Trassen überwuchert. In Puerto Plata erinnert lediglich eine Gedenktafel an das Datum vom 16. August 1897. Eine institutionalisierte Erinnerungskultur existiert nicht. Das Eisenbahnzeitalter der Dominikanischen Republik – ein frühes, technisch ambitioniertes Kapitel – ist in der Öffentlichkeit weitgehend in Vergessenheit geraten.
Vielleicht liegt gerade darin seine Bedeutung: als Moment, in dem ein karibisches Land unter schwierigen Bedingungen den Versuch unternahm, sich mithilfe von Technologie in das Weltgefüge einzuschreiben. Für wenige Jahre war es möglich, von Santiago aus bis an die Atlantikküste zu reisen, in einem Waggon, gezogen von Dampf und Ambition.
