Der Diktator, seine Geliebte und 2,3 Millionen Dollar
Santo Domingo, 15.08.2026 – ein Beitrag von Thomas P. Jung – 131 mal gelesen
76 Jahre später, am 11. August 2026, veröffentlichte das dominikanische Verfassungsgericht „Tribunal Constitucional“ die bereits am 9. Juni gefällte Entscheidung TC/0737/26 im Verfahren TC-04-2025-1112 über den jahrzehntelangen Streit um ein Guthaben, das nach den Berechnungen seiner Nachkommen bereits 2013 auf mehr als 100 Millionen Dollar angewachsen war.

Doch das „Tribunal Constitucional“ erklärte ihren Antrag für unzulässig. Die Richter sahen weder eine Verletzung von Grundrechten noch eine besondere verfassungsrechtliche Bedeutung, die eine erneute Prüfung des jahrzehntelangen Streits rechtfertigen würde. Mit dem Urteil ist der Kampf der Trujillo-Erben um das Geld wohl endgültig gescheitert – und es bleibt eine Entscheidung bestehen, deren Vorgeschichte bis in das Jahr 1950 zurückreicht:
Damals herrschte Rafael Leónidas Trujillo bereits seit 1930 über die Dominikanische Republik. Von seiner Privatkanzlei aus wurden 2,3 Millionen US-Dollar bei der 1941 gegründeten staatlichen „Banco de Reservas de la República Dominicana“, die bis heute als Geschäftsbank unter dem Namen „Banreservas“ existiert, hinterlegt. Einziger Aktionär der Bank ist der Staat. Das Geschäft erhielt die Nummer 2117. Eine dazugehörige schriftliche Anweisung, die sogenannte Carta 54, bestimmte, was nach Trujillos Tod mit dem Geld geschehen sollte: Es sollte Lina Altagracia Lovatón Pittaluga zugutekommen.
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Nach Vegas Darstellung wurde Lina Lovatón 1939 schließlich nach Miami gebracht und lebte zeitweise außerhalb der Dominikanischen Republik. Doch Trujillo sorgte finanziell für sie. Und genau diese Verbindung sollte mehr als sieben Jahrzehnte später zu einer entscheidenden Frage vor den dominikanischen Gerichten werden: Wo endete der Staat, wo begann Trujillo?
2,3 Millionen Dollar waren auch 1950 nicht einfach nur ein großzügiges Geschenk eines reichen Mannes. Nach zwei Jahrzehnten Trujillo-Diktatur war kaum noch zu trennen: Was war Privatvermögen – und was gehörte dem Staat? Der dominikanische Historiker Frank Moya Pons beschreibt in der „Cambridge History of Latin America“, dass persönliche Interessen des Diktators und Interessen des Staates praktisch miteinander verschmolzen.
Bis zu seinem Tod 1961 hatte Trujillos Wirtschaftsimperium ein Ausmaß erreicht, bei dem er nahezu 80 Prozent der industriellen Produktion des Landes kontrollierte. Fabriken, Plantagen und Unternehmen machten den Herrscher und seine Familie zu einem wirtschaftlichen Machtzentrum. Genau deshalb war nach dem Ende der Diktatur häufig nur schwer zu trennen, was tatsächlich privates Eigentum Trujillos war – und was mithilfe seiner staatlichen Macht erworben worden war.
Am 30. Mai 1961 wurde Trujillo bei einem Attentat erschossen. Damit trat eigentlich auch die 1950 formulierte Bedingung für das Bankguthaben ein: Nach seinem Tod sollte Lina Lovatón über die hinterlegten Gelder verfügen können. Doch nach dem Zusammenbruch des Regimes begann der dominikanische Staat, das gewaltige Vermögen des Trujillo-Clans einzuziehen. Per Gesetz „Ley 5785“ vom Januar 1962 wurden Vermögenswerte, Forderungen und Beteiligungen Trujillos und seines familiären Umfeldes zu nationalem Eigentum erklärt. Damit war auch das Millionen-Depot bei der Banreservas plötzlich nicht mehr nur eine Frage zwischen einer Bank und einer Begünstigten.
Jahrzehnte vergingen. Schließlich verlangten Rafael José Ramón und Yolanda Altagracia Trujillo Lovatón als Erben ihrer Mutter das Geld von der Banreservas. 2013 wurde der Streit erstmals einem größeren Publikum bekannt. Damals bezifferten die Nachkommen ihre Forderung einschließlich der über Jahrzehnte aufgelaufenen Zinsen auf rund 103 Millionen US-Dollar. Beim damaligen Wechselkurs entsprach dies mehr als 4,4 Milliarden Pesos. Aus einem Bankgeschäft von 1950 war eine Milliardenforderung geworden.
Die Trujillo-Lovatón-Erben argumentierten im Kern, dass es sich um ein gültiges privates Bankgeschäft gehandelt habe. Trujillo habe das Geld zu Lebzeiten hinterlegt und bestimmt, dass Lina Lovatón nach seinem Tod darüber verfügen könne. Mit seinem Tod 1961 sei diese Bedingung erfüllt gewesen – und zwar noch bevor das Gesetz zur Konfiszierung des Trujillo-Vermögens 1962 in Kraft trat.
Doch die dominikanische Justiz folgte dieser Argumentation letztlich nicht. Am 30. April 2025 befasste sich die Erste Kammer des „Suprema Corte de Justicia“ mit dem Fall. Die Richter kamen zu dem Schluss, dass die Gelder aus öffentlichen Mitteln stammten und unter Missbrauch staatlicher Macht angehäuft wurden. In ihrer Entscheidung SCJ-PS-25-0816 stellte sie fest, dass die Gelder unter die nach dem Ende der Diktatur erlassenen Konfiszierungsvorschriften fallen.
Auch dass Lina Lovatón im Konfiszierungsgesetz nicht ausdrücklich namentlich genannt worden war, half ihren Erben nicht. Entscheidend waren für die Richter ihre Beziehung zu Trujillo, die beiden gemeinsamen Kinder und die Tatsache, dass der Diktator einen erheblichen Geldbetrag aus der Staatskasse zu ihren Gunsten hinterlegt hatte.
Die Kinder Trujillos gaben trotzdem nicht auf. Sie zogen vor das „Tribunal Constitucional“ und machten unter anderem geltend, ihre Eigentumsrechte seien verletzt und das spätere Konfiszierungsgesetz dürfe nicht rückwirkend auf einen Anspruch angewendet werden, der bereits mit Trujillos Tod entstanden sei.
Doch auch dieser letzte Versuch scheiterte. Das Verfassungsgericht machte dabei deutlich, dass es nicht noch einmal darüber entscheiden müsse, wem die Millionen tatsächlich gehören. Die von den Trujillo-Lovatón-Erben vorgebrachten Argumente beträfen im Wesentlichen die Bewertung von Tatsachen, Beweisen und gewöhnlichem Recht durch die vorherigen Gerichte. Ein solches Verfahren vor dem Verfassungsgericht sei aber kein Instrument, um einen bereits durch die reguläre Justiz entschiedenen Prozess einfach noch einmal aufzurollen.
So endet – zumindest auf dem rechtlichen Weg – eine Geschichte, die 1950 mit 2,3 Millionen Dollar begann und Diktatur, Attentat, Enteignungsgesetze und mehrere Generationen überdauerte. Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Verfahren ist deshalb nicht einmal die Milliardenforderung der Erben. Der Fall zeigt vielmehr, wie lange die wirtschaftlichen Folgen der Trujillo-Diktatur nachwirken.
Rafael Leónidas Trujillo ist seit 65 Jahren tot. Seine Herrschaft endete 1961. Doch weil der Diktator über Jahrzehnte politische Macht, Staatsvermögen und private Geschäfte miteinander vermischte, beschäftigt die Frage, wem einzelne Teile seines gewaltigen Vermögens tatsächlich gehörten, die Dominikanische Republik bis heute.
